Let's talk about ... *Das Gleichgewicht finden*

*Melanies HERZählung*


In Österreich sind 15% aller Frauen und 18% aller Männer stark übergewichtig. Plakative Zahlen, die einem da entgegengeworfen werden. Doch wie es ist, ein Teil dieser Zahlen zu sein, das können und wollen sich nur wenige Menschen vorstellen. Es sind keine Einzelschicksale, von denen wir hier sprechen. Konkret sind das knappe 600.000 Frauen und 700.000 Männer in Österreich.

Melanie war eine davon. Sie hat im Jahr 2013 mehr als 50 Kilo abgenommen. Heute erzählt sie uns ihre Geschichte.


***DISCLAIMER: Wir möchten mit diesem Artikel aufklären und informieren, um Bewusstsein für Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schaffen und so die Wichtigkeit eines gesünderen Lebensstils aufzuzeigen. Wir möchten niemanden angreifen, auf sein Äußeres reduzieren oder ausgrenzen. ***



Herzählungen: Melanie, du hast vor einigen Jahren sehr viel Gewicht verloren. Was hat deine Abnehmreise ausgelöst und wie ging es dir dabei?


Melanie: Im Jahr 2013 habe ich in 10 Monaten über 50 Kilo abgenommen, nach einem Jahr waren es dann schon über 60. Mein Startgewicht und gleichzeitig Höchstgewicht waren um die 125 Kilo.

Der Auslöser für’s Abnehmen war, dass ich Fotos von mir selbst auf der goldenen Hochzeit meiner Großeltern gesehen habe. Diese haben mich wahnsinnig erschrocken, denn so habe ich mich selbst nicht gesehen. Diese Fotos zeigten nicht das Bild von mir, das ich im Spiegel sah. Ich wollte so einfach nicht mehr sein. Außerdem begann zeitgleich eine Bekannte von mir abzunehmen und ich dachte mir, wenn sie das schafft, dann schaffe ich das auch!

Gegen Ende hin hat es dann aber damit angefangen, dass ich verschwindend wenig gegessen habe, allerding habe ich da selbst noch nicht reflektiert darüber. Für mich hatte das auch noch nichts mit Magersucht zu tun, sondern einfach abnehmen zu wollen und ein Ziel vor Augen zu haben. Mein Niedrigstgewicht, wo ich dann auch im Krankenhaus war, waren zwischen 45 und 48 Kilo.


Herzählungen: Du hast also beide Seiten der Medaille erlebt. Einerseits, wie es ist, übergewichtig zu sein und andererseits, wie man mit Magersucht lebt. Wurdest du mit mehr Kilos auf den Rippen anders behandelt als mit weniger?


Melanie: Als übergewichtige Person wurde ich viel mehr belächelt. Besonders in der Arbeit. Ich war damals noch sehr jung und frisch in einen neuen Beruf eingestiegen. Natürlich machte hier das Alter auch etwas aus, aber die Kolleginnen behandelten mich definitiv anders. Mir kam vor, dass ich damals nicht so ernst genommen wurde, obwohl ich meine Arbeit immer gleich gut gemacht habe. Man wird schnell als weniger ambitioniert oder sogar faul abgestempelt, wenn man dick ist.


In der Öffentlichkeit passieren einem natürlich auch solche Dinge, man wird angeschaut und sogar beleidigt. Einmal sagte eine Dame zu mir „So Schweine wie Sie schwitzen ja immer so viel, wenn es heiß ist“. Manchmal wurde auch angenommen, dass ich schwanger sei - mir wurde sogar mal in einem Arztwartezimmer gratuliert. Oder eine alte Dame in der Straßenbahn, die mir gegenübersaß, sagte zu einer anderen jungen Frau. „Schauen Sie zu, dass Sie sich nicht so verkommen lassen, wie diese Frau“ und zeigte auf mich. Ich tat dann immer so, als hätte ich solche Aussagen nicht gehört, denn ich hatte einfach nicht das Selbstbewusstsein dazu, für mich selbst einzustehen. Vor solchen Kommentaren ist man einfach immer ungeschützt. Es ist schlimm, wie auf Grund des Aussehens Schlussfolgerungen auf die Persönlichkeit gezogen werden.


Herzählungen: Möchtest du uns vielleicht auch kurz über deine Magersuchtsphase berichten?


Melanie: Am ungesündesten war ich sicher nicht zu meiner übergewichtigen Zeit, sondern zu meiner untergewichtigen. In meiner Magersuchtsphase habe ich nur 200 Kalorien am Tag zu mir genommen. Es war dann schon so schlimm, dass ich meine Lebensmittel bewusst im Ofen verbrannt habe, da verbrannte Sachen keine Kalorien mehr haben. Ich habe also echt kranke Sachen gemacht und mein Körper war hier sehr viel ausgezehrter als mit starkem Übergewicht. Es hat nichts mehr funktioniert. Ich hatte keine Kraft, konnte teilweise nicht mehr aufstehen, hatte Blackouts, wo ich einige Minuten nichts mehr gesehen habe. Ich hatte blaue Zehen und Finger und konnte letztere auch nur mehr schlecht bewegen. Auch nachdem ich wieder zugenommen hatte, haben meine Finger manchmal wieder ausgesetzt.


Herzählungen: Wie geht es dir jetzt?


Melanie: Ich fühle mich bedeutend gesünder. Ich ernähre mich jetzt besser und bin körperlich zu mehr in der Lage. Was die mentale Gesundheit betrifft, würde ich sagen, befinde ich mich noch auf einem ähnlichen Level wie damals. Mein Selbstbewusstsein hat sich wenig verändert. Aber mittlerweile gibt es Tage, an denen ich zufrieden bin mit mir und wo ich negative Gedanken gut ausblenden kann, aber wohl fühle ich mich in meinem Körper auch nicht wirklich. Ich kann also irgendwie besser damit umgehen als früher. Im Gesamten fühle ich mich jetzt gesünder als damals mit starkem Übergewicht, jedoch fühle ich mich noch viel gesünder als mit Magersucht.


Herzählungen: Du sprichst gerade die Gesundheit an. Was bedeutet „gesund“ für dich?


Melanie: Gesundheit bedeutet für mich, in einem Körper zu leben, der ohne nachdenken alle Funktionen des alltäglichen Lebens ausführen kann. Zum Beispiel körperliche Aktivitäten, die auch im Umgang mit Kindern wichtig sind. Dinge, die ich weder als übergewichtige noch als untergewichtige Person konnte.

Auch, dass man essen kann, ohne dass man die ganze Zeit darüber nachdenken muss. Leider denke ich nach wie vor fast täglich darüber nach, was ich esse, aber es ist viel besser als früher! Wenn wieder der Gedanke kommt: „Das solltest du jetzt nicht essen“, dann sage ich mir jetzt bewusst: „Doch, weil du hast jetzt Lust darauf und es wird in keiner Fressattacke enden“. Ich habe solche Attacken nun nicht mehr, da ich mir selbst nichts mehr verbiete, so wie früher.

Gesundheit bedeutet für mich auch Ausgewogenheit bzw. im Gleichgewicht sein. Ab einem gewissen Gewicht habe ich immer gemerkt, dass mein Körper nicht mehr so richtig funktioniert hat, wie er sollte. Mein gesundes Gewicht laut BMI wäre irgendwo zwischen 55 und 60, aber das ist nicht das Gewicht, in dem sich mein Körper wohlfühlt. Zwischen 65 und 70 Kilo, dieses Gewicht hält mein Körper ohne Anstrengung und ohne restriktives Essen. Das ist Ausgewogenheit für mich.


Herzählungen: Abschließend noch eine Frage, die sich viele Menschen stellen, wenn es um drastische Gewichtsänderungen geht. Wie kommuniziere ich am besten mit betroffenen Freunden oder Verwandten, wenn ich mir Sorgen mache?


Melanie: Natürlich kann ich da nur für mich sprechen. Ich kann auch erst jetzt im Nachhinein sagen, wo ich darüber reflektiert habe, was meine Meinung dazu ist. Es ist nicht so leicht. Anfangs hat es mich gestört, dass Leute immer kommentiert haben, was ich esse. Mir kam jede Essenssituation wie eine Show vor, wo mir jeder zusah.

Wenn man aber merkt, dass es, wie bei mir, in eine total falsche Richtung geht, dann denke ich schon, dass man etwas sagen darf. Es kommt aber auf das WIE an. Es wäre gut, von solchen Statements wie „Jetzt iss doch mal was“ oder eben “Jetzt hör doch auf so viel zu essen“ abzusehen. Besser wäre, wenn man mit ganz viel Feingefühl an die Sache rangeht. Zum Beispiel, mit Worten wie „Ich sehe, was du durchmachst und ich finde du machst das super, aber ich hätte da ein Buch oder eine Geschichte für dich, vielleicht kannst du dich damit identifizieren oder hineinversetzen. Ist das bei dir auch so?“

Als ich nämlich an den Punkt kam, wo nichts mehr funktionierte, war ich schon verzweifelt auf der Suche nach einer ausgestreckten Hand, die sagt, „Hey, du bist nicht alleine, ich versuche, dass ich dir helfe. Ich bin für dich da.“


Ich denke, es hätte mir auch sehr geholfen, wenn mir nicht dauernd gesagt worden wäre, wie viel schöner und besser ich denn nicht jetzt (als dünne Frau) sei. Auf einmal war ich jemand, auf einmal war ich für alle interessant. Ich hatte das Gefühl, dass ich erst jetzt einen Wert habe. Plötzlich hatte auch alles, was ich tue, einen Wert. Ich bekam im Job mehr Respekt, wo ich vorher einfach nur gemobbt wurde.


Ich glaube, das Beste, was man zu jemandem der abnimmt sagen könnte, wäre: „Ich finde es toll, dass du das für dich machst. Aber nur damit du es weißt, du müsstest es nicht machen, denn du bist wunderbar, so wie du bist. Wenn es dir selbst guttut, dann freue ich mich sehr, dass du diesen Weg gefunden hast!“


Rückblickend kann ich sagen, dass ich nicht wollte, dass das Gewicht jeder so zum Thema macht. Auf der anderen Seite verstehe ich, wenn man sich Sorgen macht. Gerade Familie und Freunde.

Ich habe selbst lange gebraucht, um zu realisieren, was mit mir passiert ist und dass ich ein neuer Mensch bin. Dass ich das Doppelte von meinem Gewicht als Magersüchtige abgenommen hatte. Also ich habe mich selbst zweimal abgenommen. Eine Person, die viel abnimmt, muss sich erst mal selbst neu kennenlernen.


Herzählungen: Danke, Melanie, dass du uns heute so offen deine Geschichte erzählt hast. Alles Gute!



Im Vorgespräch zu diesem Interview hat Melanie erwähnt, dass sie im Nachhinein betrachtet professionelle Begleitung bei ihrer Abnehmreise in Anspruch hätte nehmen sollen. Wir wollen diese Empfehlung allen Betroffenen weitergeben.


Wenn ihr einen Arzt oder eine Ärztin eures Vertrauens habt, sprecht dieses Thema doch bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung an. Es gibt auch hervorragende Diätolog*innen und Ernährungsberater*innen, die auf fundierter, wissenschaftlicher Basis Ernährungsumstellungen mit euch angehen. Und auch psychologische Hilfe anzunehmen ist niemals eine Schande!


Und eines sei noch gesagt – starkes Übergewicht ist aus gesundheitlicher Sicht betrachtet definitiv als negativ zu sehen, denn es ist leider ein Hauptrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber es macht niemanden zu einem schlechteren Menschen! Man muss die Krankheit von der Person trennen. Wie wir schon im ersten Teil dieser Blog Reihe erwähnt haben, gibt es viele Faktoren, die dazu führen und nicht alle sind einfach, allein in den Griff zu bekommen!


Mit diesem Post verabschieden wir uns vom Jahr 2021 und sind schon gespannt, was 2022 auf uns zukommt! Auch euch wünschen wir eine besinnliche Zeit und einen guten Rutsch!

Achtet gut auf eurer Herz! Ariane und Maggie ♡



Foto: Melanie in den Jahren 2013 und 2014, wo sie den Großteil ihres Gewichtes abnahm.