Let's talk about... *Fat*

Aktualisiert: 23. Dez. 2021

*Arianes HERZählung aus Sicht einer Wissenschaftlerin*


Die letzten zwei Posts dieses Jahres wollen wir für ein Thema aufwenden, das sehr sensibel ist und das die wenigstens kalt lässt – Körpergewicht und damit verbunden auch Übergewicht und Fettleibigkeit. Wir beleuchten es diesmal von zwei Seiten, einmal mit ein paar persönlichen Einblicken aus meiner Zeit als Wissenschaftlerin, und einmal aus der Sicht einer Betroffenen, die in den letzten Jahren mit unterschiedlichen Aspekten dieses Thema betreffend zu kämpfen hatte.



Eines sei erwähnt – es gibt beim Thema „Körpergewicht“ unzählige Faktoren, die es beeinflussen, von der Psyche, über die Genetik, bis hin zu ökosozialen und gesellschaftlichen Aspekten.


Als Wissenschaftlerin bemühe ich mich um eine neutrale, fakten-basierte Ansicht, aber es ist mir als Person sehr wichtig zu sagen, dass ich immer ein inklusives Miteinander anstrebe! Dabei hat „Fatshaming“ und Stigmatisierung keinen Platz, genauso muss es aber auch erlaubt sein, über die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Probleme reden zu können, die mit Übergewicht und Fettleibigkeit zusammenhängen.


Fett, Fettzellen – wie kam es überhaupt dazu, dass sie zu meinem Hauptforschungsthema wurden? Hier ein kleiner Einblick in meinen Forschungsalltag:


Ich sitze am Mikroskop und schalte das Licht an. Mit der einen Hand lege ich eine Probe unter die Linse, mit der anderen verdrehe ich die Stellschraube auf der Seite des Geräts, um scharf zu stellen. Die Zellen erscheinen im Blickfeld. Dunkel heben sie sich vom Hintergrund ab und wie kleine, rote Lampions kann ich die Fetttropfen in den Zellen erkennen, die ich eigens vorher mit einem roten Farbstoff angefärbt habe.


Eins ums andere Mal bin ich fasziniert, dass ich aus einer unscheinbaren, dreiecksförmigen Zelle durch Zugabe von bestimmten Hormonen im Labor Fettzellen züchten kann. Sind sie nicht hübsch, wenn sie so gefärbt vorliegen (sie als hübsch zu bezeichnen kommt wahrscheinlich von meiner kreativen Ader und meiner Faszination für die Zellen selbst 😉 - ihr könnt hier übrigens ein paar der Mikroskopiebilder sehen)?



Was mache ich nun aber so mit diesen Zellen? Warum züchte ich sie an und welche Bedeutung haben sie für mich?


2009 startete ich nach Abschluss meines Masterstudiums ein Doktoratsstudium. Der Haupteil meiner wissenschaftlichen Arbeit bestand dabei aus Laborarbeit. Unser Labor war darauf spezialisiert, die Entwicklung von Fettzellen zu studieren. Man weiß zwar schon so einiges darüber, wie diese Entwicklung abläuft, aber es gibt doch noch immer Neues zu entdecken und so war es meine Aufgabe herauszufinden, welche Rolle ein bestimmter Faktor in diesem Prozess spielt.


Von da an fingen Fettzellen in gewisser Weise an, über mein Leben zu bestimmen, denn der Vorgang, wie sich aus unscheinbaren Vorläuferzellen Fettzellen entwickeln, läuft in einer bestimmten Abfolge ab. Die pinke Nährlösung, die Zellen mit allen Nährstoffen versorgt, musste regelmäßig ausgetauscht werden und hatte ich einmal mit der Zugabe der Hormone gestartet, musste alles genau zeitlich abgestimmt ablaufen. Den Zellen war dann wurscht, ob da gerade ein Wochenende war. Ich konnte auch nicht sagen: „Och, heute mag ich nicht“, weil dann vielleicht die vorhergegangene Arbeit umsonst gewesen wäre (was häufig auch mit einigen Kosten verbunden ist – Forschung ist bekanntlich ziemlich teuer).


Als Jungforscherin wird man oft danach gefragt, warum man bestimmte Dinge tut (und man sollte sich diese Frage natürlich selbst stellen). Was ist sozusagen das größte Ziel der jeweiligen Forschung? Man möchte etwas Wichtiges zur Gesellschaft beitragen. Etwas, das vorher noch niemand gewusst hat. Das macht den Reiz der Wissenschaft aus und ist etwas, das viele Wissenschaftler*innen antreibt. In meinem Fall war es folgendes: Wenn wir den Prozess der Fettzellentstehung besser verstehen, können wir später vielleicht auch gezielt eingreifen und das könnte Menschen mit Übergewicht und Fettleibigkeit zugute kommen.


Das interessante bei Fettzellen ist, wenn sie sich einmal von einer Vorläuferzelle entwickelt haben, bleiben sie im Fettgewebe angelegt. Auch wenn man Gewicht verliert, wird nur das enthaltene Fett abgebaut. Die Zelle bleibt erhalten und kann bei Bedarf sehr schnell wieder mit Fett angefüllt werden. Dieser Vorgang geht um einiges schneller, als die erstmalige Entwicklung der Fettzellen und erklärt unter anderem den Jojo-Effekt und warum es nach einer Diät oft wieder zu einer Zunahme kommt.


Unsere Problemstellung war also – seit vielen Jahrzehnten wird die Bevölkerung immer dicker. Tatsächlich sind schon an die 2 Milliarden Menschen weltweit von Übergewicht betroffen und die Zahl steigt jährlich anstatt abzunehmen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, aber es läuft darauf hinaus, dass wir überschüssige Energie, die wir zu uns nehmen und nicht verbrauchen oder ausscheiden können, irgendwo speichern müssen und unser Speicherorgan ist das Fettgewebe. Gibt es dann wieder Phasen, wo Energie gebraucht wird, kann auf diesen Speicher zurückgegriffen werden. Kommt es jetzt jedoch zu einer dauerhaften Einlagerung von Fett, wird auch das Fettgewebe krankhaft verändert und das wiederum bedingt viele Probleme wie Diabetes und Leberkrankheiten bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs.


Mein Lösungsansatz – ich wollte mit meinem gewonnen Wissen einen Baustein zur Bekämpfung der Krankheiten beitragen. So konnte ich zum Beispiel zeigen, dass das Ausschalten dieses bestimmten Gens dazu führt, dass Fettzellen weniger Fett einlagern. Bei einer anderen Studie konnte ich dann zeigen, dass das Anschalten eines anderen Genes die Zellen dazu bringt, mehr Fett zu verbrennen. Warum das so ist, versuchte ich durch meine Studien auch zu beantworten. Diese Erkenntnisse waren verbunden mit unzähligen Experimenten verbunden mit Rückschlägen und Erfolgen, Wochenenden und Abenden, die im Labor verbracht wurden.


Wie sich das jetzt auf das große Ziel auswirkt? Auf den ersten Blick erst einmal gar nicht. Es werden da jetzt weder Medikamente in diese Richtung entwickelt, noch ist mir sonst ein großer Durchbruch gelungen. Auch sieht die Sache im Körper dann noch viel komplizierter aus. Aber ich habe diesen kleinen Baustein beigetragen. Vor meiner Forschung hat man über meine Ergebnisse noch nicht Bescheid gewusst und wer weiß, wie sie irgendwann mal eine neue Generation an Forscher*innen beeinflussen werden?


Beruflich haben mich die Jahre als Forscherin natürlich geprägt. Ich habe viel über die Hintergründe von Fettleibigkeit und ihre Auswirkungen gelernt, aus diesem Wissen kann ich nun schöpfen und es bei meiner aktuellen Arbeit einfließen lassen, um über die Hintergründe und Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufzuklären. Aber ich habe auch viel über Gleichgewicht gelernt – vieles in unserem Körper strebt Gleichgewicht an und wird dieses gestört, kann das krankhafte Folgen haben. Darüber möchte ich gerne in einem anderen Post noch mehr schreiben.


Über das „Gleichgewicht finden“ erfahrt ihr dann auch im zweiten Teil dieser Blog-Reihe, wo ihr sehr persönliche Einblicke einer Betroffenen erfahren werdet.


Gerne könnt ihr eure Gedanken und Fragen zu diesem Thema unten in der Kommentar-Box teilen!


HERZlichst, eure Ariane