Was (oder besser Wer) uns prägt

Unser Leben besteht aus einer Reihe von Erlebnissen, die Geschichten formen. Manche dieser Geschichten haben wir nur gehört und doch prägen sie uns besonders stark.





05.07.1982 – Karl-Heinz steht in der Früh ganz normal auf, nichtsahnend, dass dieser Tag sein zukünftiges Leben verändern wird. Es ist 11 Uhr, als er zum ersten Mal spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er hat Probleme beim Sprechen. Es fällt ihm schwer, einfache Sätze zu formulieren. Kurze Zeit später befindet er sich in einem Krankenwagen, unfähig mit seiner Umgebung zu kommunizieren. Grund dafür ist ein kleiner Pfropfen, der sich aus seinen Arterien gelöst und ein kleines Gefäß in seinem Gehirn verstopft hat. Karl-Heinz hat einen Schlaganfall erlitten, er ist 53 Jahre alt. Glücklicherweise erholt er sich von diesem Vorfall, so leistungsfähig wie früher ist er jedoch nicht mehr. Er muss sein Leben komplett umstellen. Früher Buchhalter aus Leidenschaft – muss er nun in Frühpension gehen.


Geschichten wie diese passieren täglich weltweit und dennoch ist diese Erzählung nicht die eines x-beliebigen Mannes. Sie ist die Geschichte meines Großvaters. Obwohl sich dieser Vorfall vor meiner Geburt ereignete, hat sich die Erkenntnis, dass dies jedem passieren kann, in mein Leben eingeprägt. Er hat meine Entscheidung, Wissenschaftlerin zu werden, und Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) zu erforschen, mitgeprägt und den Wunsch geweckt, aktiv einen Beitrag zur Vermeidung dieser Krankheiten beizutragen. Besonders jetzt, da ich selbst schon über 35 bin, stellt sich mir die Frage wie ich mein zukünftiges Leben gestalten kann, damit ich selbst nicht dasselbe Schicksal erleiden muss.


Hätte es etwas gegeben, das mein Großvater hätte tun können, um seinen Schlaganfall zu verhindern? Hätte er früh genug auf Risikofaktoren reagiert, wenn er sie erkannt hätte? Oder hätte er sich wie so viele vor ihm gesagt:"Ich bin jung, mir passiert so etwas schon nicht..."? Leider kann ich ihn nicht mehr persönlich fragen, weshalb diese Fragen unbeantwortet bleiben. Aber viele Dinge über meinen Großvater, der ein riesengroßer Fernseh-Fan war und nichts mehr liebte, als über seine Lieblingssendungen zu reden (egal ob wir das hören wollten oder nicht), weiß ich. Dass er zum Beispiel vor seinem Schlaganfall starker Raucher war und danach nicht eine einzige Zigarette mehr angegriffen hat - vielleicht mit ein Grund, warum er trotz seiner Vorgeschichte über 80 Jahre alt wurde. Er hatte aber auch eine Vorliebe für Süßes und ungesundes Essen, die er Zeit seines Lebens nie ablegen konnte. Das hat wohl auch dazu beigetragen, dass er relativ früh Typ 2 Diabetes entwickelte (das ist eine andere Geschichte). Obwohl dieser Vorfall des Schlaganfalls in meiner Familie immer präsent war, wurde er nie wirklich thematisiert. Ich denke, dass das auch in anderen Familien der Fall ist – etwas, was wir auf jeden Fall ändern sollten!


Seit dem Jahr 1982 hat sich in der Wissenschaft und Medizin viel getan. Ende der 1980er Jahre kamen erstmals wirksame Cholesterinsenker, sogenannte Statine, auf den Markt und trugen merklich dazu bei, Atherosklerose (umgangssprachlich auch Arterienverkalkung) zu reduzieren und dadurch HKE, wie u.a. Herzinfarkten und Schlaganfällen, entgegenzuwirken (1). Trotz der Entwicklung weiterer Therapien, führen HKE nach wie vor die Liste der häufigsten Todesursachen an. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben rund 18 Millionen Menschen jedes Jahr weltweit an HKE, was sich bis zum Jahr 2030 auf schätzungsweise 23 Millionen ausweiten wird (2). Um das in Relation zu stellen – Australien hat derzeit ungefähr 25 Millionen Einwohner! Auch in Österreich sind HKE die Haupttodesursache. Jährlich sind sie für rund 40% aller Todesfälle verantwortlich (3).


Das sind unglaubliche Zahlen, doch ohne eine persönliche Verbindung durch Fälle im Familien- und Freundeskreis bleiben sie trotz allem nur Zahlen – besonders für junge Leute, die (sich selbst) nicht zur Risikogruppe zählen. Vielen ist nicht klar, dass es sich bei HKE um schleichende Krankheiten handelt, die schon im jungen Alter beginnen und durch Übergewicht, Rauchen und Stress zusätzlich gefördert werden.


Schon Mitte 20, Anfang 30, beginnt der Blutdruck zu steigen, was unbeachtet zu ernsten Problemen führen kann. In derselben Altersgruppe steigt häufig auch der Cholesterinspiegel an, welcher einer der Hauptrisikofaktoren von HKE ist. Auch angeborene Herzfehler zeigen sich oft erst mit zunehmendem Alter. Bleiben sie unerkannt, können auch sie zu Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen, Herzschwächen und Entzündungen im Herzen führen (4-7).


Die traurige Wahrheit ist, dass Atherosklerose, ist sie einmal entstanden, nicht komplett heilbar ist. Es ist jedoch möglich, den Fortschritt der Krankheit weitgehend einzudämmen. Deshalb erweist sich die Entwicklung von neuen Medikamenten, die innovative Ansätze verfolgen, als äußerst wichtig. Wer hätte gedacht, dass wir einmal Zucker aus der Muttermilch als potentielle Kandidaten für eine Herz-Kreislauf-Therapie ansehen (8)? Oder dass an der Entwicklung einer Impfung gegen Atherosklerose geforscht wird (9)? Genaueres dazu gibt’s in späteren Posts!


Neben neuen Therapieansätzen gibt es noch eine gute Nachricht: HKE, zusammen mit ihren Hauptrisikofaktoren Fettleibigkeit und Diabetes, sind großteils vermeidbar! Deshalb setzen wir uns für wissenschaftlich fundierte Präventions- und Aufklärungsstrategien ein, die das Bewusstsein in der Bevölkerung stärken, damit sie Risikofaktoren erkennt und mit einer Veränderung des Lebensstils aktiv zu einer Reduktion von HKE beiträgt.

Welche Maßnahmen nützen jedoch? Und wie werden besonders junge Erwachsene angesprochen? Das sind Fragen, die mich selbst sehr beschäftigen und zu denen ihr gerne eure Kommentare abgeben könnt!

HERZlichst, Eure Ariane



Referenzen:

1 Endo, A. A historical perspective on the discovery of statins. Proc Jpn Acad Ser B Phys Biol Sci 86, 484-493, doi:10.2183/pjab.86.484 (2010).

2 WHO. CVD facts, < https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/cardiovascular-diseases-(cvds)>(2020). Abegrufen 06/2020

3 Markus, G. AT: Herztod in Österreich: Wo wir stehen, was wir brauchen – Leistungsbilanz und Forderungen an die Gesundheitspolitik, <https://pflege-professionell.at/at-herztod-in-oesterreich-wo-wir-stehen-was-wir-brauchen-leistungsbilanz-und-forderungen-an-die-gesundheitspolitik> (2019).

4 Wu, W. Y., Berman, A. N., Biery, D. W. & Blankstein, R. Recent trends in acute myocardial infarction among the young. Curr Opin Cardiol 35, 524-530, doi:10.1097/HCO.0000000000000781 (2020).

5 Blankstein, R. & Singh, A. Cholesterol Guidelines: A Missed Opportunity for Young Adults? J Am Coll Cardiol 76, 665-668, doi:10.1016/j.jacc.2020.06.055 (2020).

6 Gerardin, J. F., Menk, J. S., Pyles, L. A., Martin, C. M. & Lohr, J. L. Compliance with Adult Congenital Heart Disease Guidelines: Are We Following the Recommendations? Congenit Heart Dis11, 245-253, doi:10.1111/chd.12309 (2016).

7 Mehta, S. R. & Anand, S. S. Identifying and Treating Young Patients at Risk for Cardiovascular Events. J Am Coll Cardiol 71, 303-305, doi:10.1016/j.jacc.2017.12.001 (2018).

8 Pessentheiner A. R., Spann N. J., Autran C. A., et al. The Human Milk Oligosaccharide 3-Sialyllactose Promotes Inflammation Resolution and Reduces Atherosclerosis Development in Mice. BioRXiv. doi: https://doi.org/10.1101/2021.03.19.433472 (2021)

9 Binder, C. VIA - Vaccinations in Atherosclerosis. EU project. (2013-2018). <https://www.meduniwien.ac.at/web/forschung/forschungsprojekte/eu-projekte/7-eu-rahmenprogramm/via-christoph-j-binder/>.