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HERZählung

#06

"Ich dachte, das betrifft nur Männer"

Frauenherzen schlagen anders.

Das stimmt tatsächlich so, denn sie schlagen etwas schneller als Männerherzen. Natürlich übernehmen sie die gleiche Funktion - Blut stetig durch unsere Adern zu pumpen.

Mit dieser Episode wollen wir besonders auf Frauenherzgesundheit aufmerksam machen, denn nach wie vor werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männersache angesehen.


Diese besondere Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt. Einmal von Gerlinde aus der Sicht einer Betroffenen und auch von Christine, die schildert wie sie die Herz-OP ihrer Mutter erlebt hat.

Das Transkript

Ariane (00:05)

Hallo, willkommen beim Herzählungen-Podcast, wo ihr Geschichten übers Herz von Herzen hören werdet. Ich bin Ariane, die wissenschaftliche Leiterin des Projekts und sozusagen das Herz und Hirn von Herzählungen.

Maggie

Und ich bin Maggie, Projektmitarbeiterin in allen Belangen des Projekts.

Ariane

Hallo und herzlich willkommen zur heutigen Episode.

Heute möchten wir ganz besonders auf das Thema Frauen-Herzgesundheit eingehen. Und liebe Männer, ihr solltet da ganz genau zuhören. Warum? Dazu kommen wir gleich.

Maggie

Ja, aber warum ist das jetzt so ein wichtiges Thema für uns alle?

Ariane

Ja, nach wie vor werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen eher als Männerkrankheit angesehen. Tatsächlich ist es auch so, dass Männer ein höheres Risiko dafür haben. Aber das heißt noch lange nicht, dass Frauen ausgenommen sind.

Maggie

Ja, das stimmt. Ariane, du hast mir ja vor nicht allzu langer Zeit im Zuge der Vorbereitungen auch mal die Geschichte deiner Oma erzählt. Vielleicht kannst du uns kurz schildern, was da passiert ist.

Ariane

Ja, gerne. Also meine Oma hatte so um ihren 65. Geburtstag herum einen Herzinfarkt. Das wusste ich natürlich.

Ariane (01:41)

Was ich aber erst vor kurzem im Gespräch mit meiner Mama erfahren habe, war, dass es mehrere Tage gedauert hat, bis dieser Herzinfarkt diagnostiziert wurde und meine Oma dann eben ins Krankenhaus kam.

Maggie

Ja, das ist ja unglaublich, weil normalerweise, Herzinfarkt, fährt man sofort ins Krankenhaus. Wie kam es dazu?

Ariane

Ja, es hat eigentlich damit angefangen, dass meine Oma immer sehr hart im Nehmen war, sozusagen. Jammern über ihren Gesundheitszustand gab es nicht. Und dann hat sie aber auch etwas gehabt, was bei Frauen sehr üblich ist, und zwar unspezifische Symptome. Sie hatte Schmerzen im Bauch und im Rücken. Sie hat auch schlecht Luft bekommen. Und dann, ganz zum Schluss, ist es ihr wirklich schlecht gegangen. Aber an einen Herzinfarkt hat die ganze Familie lange nicht gedacht.

Maggie

Ja, das ist echt schade. Und das zeigt einfach auch das Nichtwissen in der Gesellschaft und wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Ihr seht auch in unseren Story-Notes, also den Notizen, die wir an diese Episode angehängt haben, welche Arten von Symptomen bei Frauen, die einen Herzinfarkt erleiden, auftreten können. Schaut doch mal rein.

Maggie (02:54)

Aber nun zu unserer heutigen Herzählung. Oder sollte ich besser sagen, Herzählungen? Gerlinde und Christine geben uns Einblick, wie sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Betroffene auf der einen Seite und Angehörige auf der anderen Seite anfühlen. Diese Geschichte ist wirklich etwas ganz Besonderes. Also, liebe Gerlinde, liebe Christine, herzählt mal!

 

Gerlinde (03:41)

Ja, meine Herzählung, oder Geschichte, beginnt eigentlich schon sehr sehr früh, und zwar in der Familie. Ich bin in einer Familie geboren, wo das Herz immer ein großes Thema war. Man hat zwar nicht darüber gesprochen, - das war früher nicht üblich, dass man darüber spricht - aber mein Großvater ist schon mit 49 Jahren am Herzinfarkt gestorben. Mein Vater und drei seiner Brüder und eine Schwester haben in jungen Jahren schon Probleme mit dem Herz gehabt, sprich Infarkte, Bypass-Operationen und auch ein sehr früher Tod. Ab meinem 40. Lebensjahr habe ich mir gedacht, ich muss ja dann was tun. Ab jetzt möchte ich wissen, ob das wirklich alles passt und ob ich gesund bin und bin dann regelmäßig zur Gesundenuntersuchung gegangen. Großes Blutbild, passt alles und ja, perfekt. Dann, so ungefähr fünf Jahre später, habe ich dann ständig Probleme gehabt mit Blutdruck. Ich bin zum Arzt, ja, hoher Blutdruck. EKG ist aber auch in Ordnung, aber der Blutdruck ist sehr erhöht und dann muss man Tabletten nehmen. Mein Arzt hat gewusst, dass familiäre Vorbelastungen sind und das war ihm ganz wichtig, dass ich regelmäßig meine Tabletten einnehme. Nachdem ich die schon lange eingenommen habe und der Blutdruck sich dann normalisiert hat, habe ich mir gedacht, jetzt höre ich einfach wieder auf damit. Weil, jetzt weißt eh wieder alles. Mein Arzt hat gesagt: „Und was glauben Sie, warum der Blutdruck passt?“ Weil ich die Tabletten genommen habe. Und dann habe ich sie weitergenommen, weil es eben wichtig war.

 

Aber ich habe überhaupt keine Angst gehabt, dass das jetzt vielleicht mein Herz einmal betreffen könnte, dass das einmal verrücktspielen könnte. Ich hab durch den hohen Blutdruck panische Angst vor einem Schlaganfall gehabt. Weil, das war für mich so ein Bild, Schlaganfall ist ganz was Gruseliges, was Dramatisches. Ja, ich glaube, da hat jeder so ein Bild vor sich, was ein Schlaganfall alles auslösen kann. Gut. Ich war eigentlich immer sehr sportlich unterwegs. Und dann, ja, mit 55 Jahren, hat sich dann die Diabetes dazu gesellt. Ich war immer der Meinung, dass ich mich gesund ernähre. Ich war auch immer der Meinung, dass ich meine Familie gesund ernähre. Ich war bedacht, dass man mit wenig Salz, mit wenig Öl und ganz fettlos und und und und kocht und sich gut ernährt. Aber, mein Körper hat darauf reagiert und mein Arzt hat gesagt, ich soll ihn nicht für verrückt erklären. Ich habe damals 69 kg gehabt und das ist einfach zu viel des Guten, zu viel Gewicht. Und mich hat es schon schockiert, wie ich gehört habe, Diabetes.

 

Das war so, ja, es hat mich schockiert. Was machen wir jetzt? Und der Arzt hat gesagt: „Frau Dohr, machen Sie sich keinen Kopf. Sie sind eine starke Frau. Sie schaffen das. Sie haben schon so viel geschafft in Ihrem Leben und das schaffen wir. Und die Essgewohnheiten umstellen, täglich die zusätzlichen Tabletten nehmen und noch mehr Bewegung“. Ganz bekomme ich den Diabetes nicht in Griff. Es wird aber immer wieder besser. Es gibt Höhen und Tiefen. Kommt drauf an, wie mich gerade die Süßigkeiten verführen und gute Torten vor mir stehen und so weiter. Das ist mein großes Problem. Aber ich bin immer sehr sportlich unterwegs, wie ich vorher schon gesagt habe. Von Mai bis September täglich Schwimmen im wunderschönen Millstätter See, viel Fahrrad fahren. Und, ja, die Angst, dass mein Herz etwas kriegen könnte, mehr Aufmerksamkeit brauchen würde, war für mich eigentlich trotzdem überhaupt nicht gegeben. Obwohl, wenn ich mich mehr angestrengt habe und schwer gehoben habe oder schwer getragen habe, bergauf gegangen bin, zu schnell gegangen bin, habe ich schon immer ein leichtes Brennen gehabt in der linken Brust und hat sich in die Hand gezogen.

 

Aber dann habe ich mir gedacht, ach, Atmen ist ganz wichtig, richtiges Atmen und langsam tun und dann hat es wieder gepasst. Und mein EKG war trotz allem in Ordnung, also, habe ich mir gedacht, das passt eh. EKG in Ordnung. Ich war froh darüber, dass ich nicht nachdenken hab brauchen, ob vielleicht doch irgendwas nicht passt. Und so hat sich das auf Jahre hingezogen. Und im Herbst 2020, das war so ein Herbst, wo wir noch mehr gewandert sind, oder viel gewandert sind mit den Enkelkindern, mit meiner Tochter, mit meinem Lebensgefährten und Freunden. Wir haben einfach viele Wanderungen gemacht. Und die letzte Wanderung war im November 2020, die dann einiges ausgelöst hat. Ich bin immer ein bisschen hinter den Männern gegangen. Ich war mit meinem Lebensgefährten und mit einem guten Bekannten unterwegs. Obwohl ich normal immer die bin, die eher vorn geht. Und das letzte Stück eben, was das schwierige war, es waren so ungefähr 80-100 Meter, die noch zum Gehen waren, steil bergauf. Und ich habe Gott-sei-Dank die Walking-Stecken mit gehabt, aber ich musste alle 5 bis 10 Schritte stehen bleiben. Ich habe das Gefühl gehabt, ich kriege keine Luft.  Ich habe einen Druck auf der Brust gehabt.

 

Ich habe panische Angst gekriegt, weil ich mir gedacht habe, was passiert jetzt? Ich habe das Gefühl gehabt, ich komme da nicht mehr rauf. Ich habe das Gefühl gehabt, ich muss um Hilfe rufen. Die Angst war, dass ich da jetzt einfach zusammenbreche und es nicht mehr weitergeht. Ich habe es aber dann mit atmen und langsam gehen und stehen bleiben geschafft und wir sind dann gut wieder heimgekommen. Aber, mein Denken war noch immer nicht das Herz. Ich habe gedacht, die Lunge hat was. Es kann nur die Lunge sein. Wenn man so schwer Luft kriegt, muss das einfach die Lunge sein. Und bin dann eben auch, es war auch ein Montag, zum Hausarzt gegangen und habe ihm das erzählt. Und dann Überweisung zum Lungenfacharzt. Und das war dann im Jänner. Also, es dauert immer, bis man einen Termin kriegt. Ja, aber die Lunge war in Ordnung. Es war alles in Ordnung bei der Lunge. Es hat überhaupt kein Problem gegeben. Also, guten Mutes war dann der nächste Weg zum Internisten. Und da war dann das erste Mal eine Ultraschalluntersuchung, und EKG. Und beides war wieder in Ordnung. Und dann hat der Internist gesagt, wir müssten da jetzt doch ein Belastungs-EKG machen. Ja, und das war leider nicht in Ordnung.

 

Da, im Belastungs-EKG hat man gesehen, bei der starken Belastung, wie es abfällt, wie ich schwer wieder Luft krieg. Und ja, das war dann, es ist doch das Herz und nicht die Lunge. Es ist einfach irgendwie von mir eine Nachlässigkeit, zu wissen, dass man in der Familie sehr vorbelastet ist mit dem Herzen, aber an sich selbst gar nicht denkt, dass es vielleicht doch das Herz sein kann. Dass man vielleicht doch mehr darauf achten soll.

Na gut. Die EKG-Untersuchung hat das also im Vorfeld ergeben, habe aber noch abwarten müssen, was jetzt das Ergebnis ist, bis der Doktor da drüber geschaut hat. Er hat gesagt, inzwischen werden wir schauen, dass wir einen Termin kriegen in Villach, zu einer Herzkatheter-Untersuchung. Das wäre mal ganz wichtig. Und ich soll in der Zwischenzeit einfach kürzer treten, langsam gehen, nicht anstrengen. Ja. Und genau das ausgerechnet soll ich machen, die immer flotten Schrittes unterwegs ist? Stiegen auf, Stiegen ab und in der Früh auf und schon geht es dahin? Und das war für mich eine große Umstellung, jetzt langsam zu tun, langsam zu gehen und immer wieder hat der Doktor gesagt, kürzer treten.

 

Ja. Ich habe dann den Anruf gekriegt, dass mein Belastungs-EKG nicht gut ausschaut und habe dann das Glück gehabt, einen besonders guten Internisten zu haben, der dann geschaut hat, dass er den schnellstmöglichen Termin für mich kriegt, in Villach. Nach Villach zu einer Herzkatheter-Untersuchung. Das ist das, was der Ralf schon erzählt hat. Wo man eben entweder vom Arm oder durch die Leiste zum Herz fährt und schaut, wie schaut es aus. Und ich habe mir das auch alles angeschaut, weil ich mir gedacht habe, mich interessiert, wie das dort drinnen ausschaut in mir. Ich hab dann, wie ich nach Villach gekommen bin, war ich eigentlich guter Dinge, weil mein Bauch gesagt hat, ja gut, Katheter-Untersuchung, das habe ich schon gewusst, was das ist, da fahren sie bis zum Herz, dann schauen sie, wie schaut es drinnen aus. Ein bis drei Stents werden sie mir setzen. Sicher nicht mehr, weil ich bin ja wirklich gut drauf. Ich bin ja fit, körperlich. Somit war ich eigentlich sehr positiv gestimmt. Aber die Katheter-Untersuchung hat ganz was anderes ergeben. Die Frau Dr. Raab, die mich untersuchende Ärztin, hat mir dann am Monitor gezeigt, wie es um meine Herzkranzgefäße bestellt ist.

 

An drei Stellen ganz stark schon verschlossen und für sie keine Möglichkeit, mir Stents zu setzen und sie würde mir empfehlen, eine Bypass-Operation durchführen zu lassen. Und ich kann es mir noch mal überlegen, kann ich mir durch den Kopf gehen lassen, ob ich es machen will oder ob ich es nicht machen will. Ja, das war schon einmal ganz was anderes, als ich erwartet habe. Nicht, ich geh nach drei Tagen wieder heim und ich bin fit und es passt wieder. Ein bisschen langsam tun und dann geht es schon wieder. Ich hab dann noch das Bild vor mir gehabt, ich habe zwei wunderbare Töchter, drei besonders liebe Enkelkinder. Und es gibt kein Überlegen. Ich möchte noch ganz viel Zeit mit meiner Familie, mit meinem Partner verbringen und es gibt gar kein Überlegen. Eine Bypass-Operation muss gemacht werden. Und somit habe ich wieder das Glück gehabt, eine gute Ärztin, Kardiologin zu haben, die mir den schnellstmöglichen Termin in Klagenfurt ausgemacht hat. Und ich bin wirklich heute, nach wie vor, noch immer dankbar, damals und heute auch noch, wahnsinnig dankbar, dass ich zwei wunderbare Ärzte gefunden habe, die mir gezeigt haben, wo es lang geht, wie es bei mir ausschaut und sich bemüht haben, dass es schnellstmöglich für mich zu einer Operation kommt.

 

Ich bin dann im März schon ins Krankenhaus nach Klagenfurt gekommen, mit dem Bewusstsein, ich kriege eine Bypass-Operation, habe schon ein bisschen Ahnung gehabt, was das ist. Bypass-Operation hat mein Vati gehabt und die ist aber schon 40 Jahre zurück gelegen. Und damals war das ja noch eine wesentlich dramatischere Operation, schon vom Gedanken her, als es heute ist. Und auch wahrscheinlich von der Durchführung her. Ja, ich habe da noch einen Bruder, der auf der Uni in Graz unterrichtet und der hat ein bisschen Unsicherheit und Unbehagen in mir hervorgerufen, indem er gesagt, „Du gehst nicht nach Klagenfurt, du gehst nach Innsbruck“. Und das war dann für mich kein Thema, weil ich gegoogelt habe, dass im Klinikum Klagenfurt sehr, sehr gute Ärzte seien. Einer der besten, wie ich der Meinung bin, der Leiter dieser Herzklinik, der außerdem noch der Vater eines guten Bekannten von mir war, den er am Herzen mit großem Erfolg operiert hat. Und des Weiteren werden Bypass-Operationen im Klinikum wöchentlich durchgeführt und man hat wirklich eine Ahnung, was man tut. Und vor allem war es mir auch wichtig, Klagenfurt ist 45 Minuten entfernt vom Millstätter See und dann kann meine Familie mich besuchen kommen oder wer immer.

 

Mit meiner Familie war besprochen, oder ich habe eigentlich bestimmt, wer nach der Operation anrufen soll oder darf und habe mit meiner Tochter darüber geredet. Ja, und meine Tochter und mein Bruder sind die, die anrufen können. Ja, dann war es soweit. Das Aufnahmegespräch war sehr angenehm. Der Doktor hat mir erklärt, wie das verlaufen wird. Er hat das aufgezeichnet, das Herz aufgezeichnet, wie die Bypässe verlegt werden, aber auch mit dem Hinweis, er operiert besser als er zeichnen kann. Da war ich sehr beruhigt. Mein OP-Termin hat dann zweimal verschoben werden müssen. Es war die Corona-Zeit. Dann war der Tag da und dann bin ich um halb 7 Uhr in der Früh abgeholt worden. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in den OP gekommen bin und dann war alles weg. Ja, ich war auf alle Fälle verwirrt, als ich munter geworden bin. Es war finster unten, es war laut, es waren laute Geräusche. Und ich habe mir gedacht, eigenartig. Meine Waschmaschine geht und das mitten in der Nacht. Und wie ich die dann in der Nacht einschalte, war mir ein Rätsel. Und dann habe ich mir gedacht, der nächste Gedanke war dann, irgendwie schon komisch.

 

Wo bin ich eigentlich? Ich habe nach links und nach rechts geschaut und auf beiden Seiten ist jemand gestanden. Und jetzt ist es mir bewusst. Ich bin ja im Krankenhaus und ich bin auf der Intensivstation und ich habe meine Operation hinter mir. Ja, und dann ist eine Schwester zu mir gekommen, mit dem Telefon, dass meine Tochter am Telefon wäre. Ich weiß überhaupt gar nicht, was ich gesagt habe zu meiner Tochter. Habe ich ja und nein gesagt oder habe ich mehr gesagt? Das weiß ich nicht mehr. Ich war einfach nur froh und glücklich und selig, dass ich ihre Stimme gehört habe. Und habe dann, nachdem ich nicht reden habe können, anscheinend, oder vielleicht doch, mit meinen Händen ein Herz geformt und es der Schwester gezeigt und sie hat es meiner Tochter, die heute dort sitzt und selbst erzählen wird, wie das jetzt war, ob ich was sagen habe können oder ob ich nichts sagen habe können oder wie für sie das war. Das Thema „Meine Mutter kriegt Bypässe“.

 

Christine (18:50)

Ja, ich kann mich noch recht gut an den Moment erinnern und möchte vielleicht auch anfangen mit dem, wie es mir die Wochen davor gegangen ist, vor diesem Zeitpunkt und vor der OP. Wie die Mama schon gesagt hat, war die Herzgesundheit bzw. -krankheit schon immer irgendwie ein Thema in unserer Familie, weil mein Opa ja auch schon einen Bypass bekommen hat, als ich noch sehr klein war. Und für mich muss ich sagen, war das ehrlicherweise immer ein Thema, das nur die Männer in unserer Familie betroffen hat. Also, es wäre mir nie der Gedanke gekommen, dass das eben meine Mama betreffen könnte oder gar mich betreffen könnte. Und deswegen war der Schock schon recht groß, wie die Mama eben dann nach ihrer Katheter-Untersuchung vom Krankenhaus aus angerufen hat. Es war schon vorher ein Schock, dass sie überhaupt dort hin hat müssen. Aber der Anruf, an den kann ich mich auch noch sehr gut erinnern, wo sie dann gesagt hat,  ja, bei der Katheter-Untersuchung, man hat jetzt eben nichts mehr reparieren können und sie wird eben eine Bypass-OP brauchen und wahrscheinlich so an die drei Bypässe brauchen. Und ja, das war schon ein echter großer Schock, weil meine Mama eigentlich nie krank war. Die war immer die Starke und Verlässliche für uns alle.

 

Die war mir mein ganzes Leben lang immer große Stütze, vor allem seitdem ich eben selber Mama bin. Und da sind mir schon viele so Gedanken durch den Kopf gegangen. Ja, wie soll, wenn da jetzt irgendwie was passiert, wie soll ich mein Leben ohne meine Mama weiterführen? Und wie soll ich mein Leben mit meinen Kindern ohne meine Mama weiterführen? Und ja, es ist schon so gewesen, dass ich die Gedanken auch nicht haben wollte, ich wollte die verdrängen. Ich wollte eigentlich immer positiv denken, aber die sind halt dann doch immer wieder gekommen. Und, ja, habe ich dann auch ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich eben mir so Gedanken mache, wie es mir geht und wie es mir dann gehen wird, wenn das jetzt nicht alles gut läuft. Und habe ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich mir gedacht habe, für die Mama muss das jetzt ja noch viel schlimmer sein als für mich. Und trotzdem war auch ein Gefühl der Erleichterung da, dass das eben jetzt schon so früh erkannt worden ist, dass es eben da nicht zu einem Herzinfarkt gekommen ist und dass dann alles in einer Not-OP enden hat müssen, oder dass die Prognosen dann, wenn man vorher schon einen Herzinfarkt gehabt hat, ja schon viel schlechter sind.

 

Da war ich natürlich total beruhigt. Aber es ist ein großer Eingriff. Und ich weiß nicht, wie oft ich den Satz gehört habe, “Das ist ein Eingriff, der wird x-mal am Tag durchgeführt.“ Es gibt so viele positive Erfahrungen. Und man hat natürlich auch mitgekriegt, wie viele in ihrer Familie selbst davon betroffen sind und waren und gute Erfahrungen gemacht haben. Das hat einen natürlich voll beruhigt. Aber es ist nicht so, dass das jeden Tag an der eigenen Mama durchgeführt wird. Und deswegen war die Sorge einfach immer da, und auch nicht weg zu drängen. Deswegen war es mir auch echt wichtig, dass ich den Tag nicht allein verbringen muss, an dem die Mama operiert wird und auch nicht, dass ich eben so als Notfallkontakt und als berechtigte Personen auch nicht alleine bin, wenn ich dort anrufen muss. Wobei ich sagen muss, es war nicht ganz einfach, die Aufgabe für mich anzunehmen. Natürlich habe ich gleich ja gesagt, als die Mama mich gefragt hat, aber es war schon so, dass ich da auch Angst gehabt habe, was ist, wenn ich da jetzt eine Nachricht kriege, die eben nicht so positiv ist und ich muss diejenige sein, die es dann meiner Familie mitteilt.

 

Ja, deswegen war eben dann gut, dass an diesem Tag X, der ja dann zwei Mal kurzfristig hintereinander verschoben worden ist, was auch für alle ein bisschen eine Belastung war, der dann gekommen ist und meine Schwester Zeit gehabt hat, Gott sei Dank, dass sie zu mir kommt und wir den Vormittag gemeinsam verbringen können. Und auch, dass mein Lebensgefährte Gott sei Dank Zeit gehabt hat, auf unsere Kinder aufzupassen, weil ich da einfach nervlich, ja, ich hätte wahrscheinlich nicht die besten Nerven für meine zwei Zwerge gehabt. Und so meine Schwester und ich auch die Zeit nutzen können während der OP, dass wir gemeinsam eben Wanderungen machen, dass wir in den Wald gehen, der bei uns gleich vor der Haustür ist. Und ja, weil für uns der Wald einfach auch etwas Erdendes und Beruhigendes hat und wir einfach gern draußen sind. Und das hat uns auch sehr gut abgelenkt. Bis zu dem Zeitpunkt, als eben dann mein Handy geläutet hat, während wir gerade so  aufwärts am Spazieren waren oder Gehen waren, und eine Nummer angerufen hat, die mir unbekannt war und ich dann gemerkt habe, dass es zu einem Zeitpunkt war, der viel zu früh für ein Ende der OP war. Und ich werde auch nie vergessen, mit was für fragenden Augen und großen Augen mich meine Schwester angeschaut hat.

 

Bis sich dann glücklicherweise recht schnell rausgestellt hatte, dass es sich bei dem Anruf um einen Werbeanruf handelt. Und ich war selten so froh über so einen. Und habe mich dann gegen meine Gewohnheit recht lange auf das Gespräch eingelassen, mit einer sehr netten Dame, die mir ein Los verkaufen wollte, und ja, habe es im Endeffekt dann sehr unterhaltsam gefunden. Ich glaube, sie auch. Und ja, es war gute Ablenkung. Wir haben den ganzen Vormittag dann da so bei uns am Hausberg quasi verbracht, sind dann eben zurückgekommen, heim. Und ja, ich weiß noch, dass ich eben für meine Schwester und für mich heimlich einen Kaffee geholt habe, dass die Kinder nicht merken, dass wir schon da sind, weil eben einfach da die Anspannung immer größer geworden ist. Also, der Zeitpunkt ist immer mehr in die Nähe gerückt, dass ich eben jetzt dann anrufen darf. Und ihr kennt das sicher alle, wenn man auf was Wichtiges wartet und dann vergeht die Zeit im Schneckentempo und die Minuten fühlen sich wie Stunden an. Und genau das war eben so. Bis der Zeitpunkt da war, habe ich dann auch noch dreimal am Handy kontrolliert, ob ich die richtige Nummer habe und bis ich mich dann endlich getraut hat, mit großem Herzklopfen anzurufen.

 

Und dann war eben ein Arzt dran, der gesagt hat, ja, die OP ist gut verlaufen. Die Mama liegt jetzt eben auf der Aufwachstation. Aber dass man eben abwarten muss, was die nächsten Stunden bringen, also man kann jetzt noch nichts ganz Genaues sagen. Da war ich natürlich schon erst mal erleichtert, dass die OP, vor der ich ja echt große Angst gehabt habe, dass die einmal gut verlaufen ist. Habe dann auch allen, die es wissen haben müssen, gleich mal mitgeteilt, allen voran der Mama ihren Lebensgefährten eben auch. Und ja, es ist halt dieses aber übrig geblieben. Und deswegen war auch der Rest von dem Tag eher angespannt und ist auch echt langsam vergangen. Bis es dann am Abend zu, weil, ich habe da keinen genauen Zeitpunkt gehabt, wann darf ich jetzt anrufen, das heißt, ich  habe ich mir dann selber überlegen müssen, wann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, wann ist soweit, dass man genaueres sagen kann? Und hab mich dann irgendwann getraut, anzurufen. Auch wieder mit großem Herzklopfen. Ich bin dann natürlich auf die falsche Station gekommen, bis ich dann endlich auf der Intensivstation irgendwie war. Und in meiner Erinnerung war es eben ein sehr netter Pfleger, der dann abgehoben hat und habe ihn gefragt, wie es meiner Mama geht. Und er hat gesagt „Ah ja,  die ist eh schon munter. Die hat gerade die Schläuche rausgekriegt, ich gebe gleich einmal das Handy weiter“.

Und ich war dann echt überrumpelt und ein bisschen überfordert, muss ich sagen. So von der Möglichkeit, dass ich sie jetzt scheinbar gleich selber am Telefon haben werde. Und ja, dann war sie eben dran und hat eben, wie sie - wie du dich auch richtig erinnerst – auch nicht viel sagen können, aber du hast mir zu verstehen gegeben, dass es dir gut geht, dass du nicht viel sagen kannst, also sie hat mit Ja und Nein geantwortet. Sie hat eben, dadurch, dass sie die Schläuche rausgekriegt hat, einfach auch noch nicht gut reden können. Und das war mir aber alles egal, weil, es war für mich so wichtig zu dem Zeitpunkt, dass ich sie einfach selber am Telefon habe und dass ich einfach ihre Stimme hören kann und einfach mit dem das Gefühl gehabt habe, dass alles wieder gut wird. Ja, und natürlich hat der Mama ihre Geschichte auch großen Einfluss auf mein Leben. Es ist so, dass mir natürlich damit auch ganz bewusst geworden ist, dass es eben nicht nur die Männer in unserer Familie betrifft, dass das Herz in unserer Familie eine Schwachstelle ist und dass das genauso mich betreffen könnte.

 

Deswegen habe ich dann auch gleich einmal, nachdem alles gut überstanden war, bei der Mama einen Gesundenuntersuchungstermin beim Internisten ausgemacht, mit Belastungs-EKG und allem Drum und Dran, um mich zu beruhigen. Ich weiß auch, dass das jetzt regelmäßig zu meinem Leben gehören wird, diese ausführlichen Gesundenuntersuchungen. Nicht nur Blutabnehmen. Und ja, ich hab dann wieder probiert, ich meine, ich habe auch das Gefühl gehabt, dass ich mich und meine Familie eigentlich ganz gut, dass wir uns ganz gut ernähren. Aber nur mal probiert, bewusster darauf zu achten. Ich habe auch leider das vererbt gekriegt, dass ich ganz schlecht auf Süßigkeiten verzichten kann. Habe eben geschaut, dass ich das ein bisschen besser in den Griff kriege. Auch wieder angefangen, Sport zu machen, was durch die Kinder dann auch ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Und ich muss sagen, das klappt natürlich nicht immer alles so gut, wie es sein soll und wie ich es auch gern hätte. Aber, es ist auf jeden Fall das Bewusstsein bei mir da, dass ich einfach selbst einen ganz großen Beitrag dazu leisten kann, dass es eben vielleicht bei mir irgendwann nicht so weit kommt. Aber Mama, vielleicht magst du weiter erzählen, wie es dann nach dem Zeitpunkt, nach der OP weitergegangen ist.

 

Gerlinde (28:02)

Ja, nachdem ich eben die Christine gehört habe und mir so bewusst geworden ist, ich habe jetzt die Operation hinter mir. Sie ist anscheinend gut gegangen. Ich habe meinen Körper abgetastet. Ja, überall wären Schläuche, die Drainagen, aber mein Herz hat geschlagen. Ich habe auf mein Herz gegriffen. Es schlägt. Und da ist mir auch so der Gedanke gekommen, was mich heute oft noch beschäftigt, mein Herz hat einmal nicht geschlagen, es waren die Herz-Lungen-Maschinen angeschlossen und Gott sei Dank gibt es sowas, dass man das überbrücken kann, dass eben etwas da ist, was das Herz weiterschlagen lässt, um die Operation durchführen zu können. Ich habe zwar lange nicht meine Wunde anschauen können, weil, es geht doch von oben bis ziemlich weit über den Brustkorb. Aber ertasten habe ich ihn immer wieder können, also meinen Körper immer wieder. Das muss ich heute oft noch machen,  mein Herz angreifen und sagen, es schlägt, es passt. Ich kann mich dann an nicht mehr viel erinnern, an den nächsten Tag erst wieder. Da war die Visite und man hat mir erklärt, es ist relativ gut verlaufen. Drei Bypässe habe ich gekriegt. Und operiert hat mich nicht der Arzt, der schlecht zeichnen kann und gut operieren.

Ich erinnere mich auch nicht an den nächsten Tag, das war ein Sonntag. Es war eine ganz liebe nette Schwester, ich habe zum Essen kriegt, habe aber eh nicht viel Appetit gehabt. Und dann ist ein besonders netter Pfleger gekommen und der hat gefragt, woher kommen Sie denn? Und wie geht es Ihnen denn? Und wir haben dann festgestellt, der wohnt ganz in unserer Nähe. Und ob ich Wünsche hätte, vielleicht was zum Trinken oder ob ich Durst habe. Ja, ich hätte einen Durst. Ich hätte gern, wenn es irgendwie möglich ist, irgendwas mit Kohlensäure, dass einmal ein anderes Gespür im Magen ist. Und er fragt mich dann, ob ich ein Bier haben möchte. Dann habe ich gesagt, „Ja, ganz genau. Ein Bier, und das im Krankenhaus, auf der Intensivstation! Er soll bitte nicht mich pflanzen, weil, dafür bin ich jetzt gar nicht so aufgelegt. Vielleicht wann anders.“ Aber Nein, das ist auf der Intensivstation in Klagenfurt anscheinend so, ich weiß natürlich nicht, ob das überall so ist. (Lachen)

Ja, er ist gegangen und kommt mit einer Dose Bier und haltet mir das kalte Bier an die Wange, die Dose, und das war einfach so herrlich. Und ein Glas in der Hand und eingeschenkt und ich habe dann wirklich 2,3,4 Schluck Bier trinken können. Es ist zwar jetzt gar nicht wichtig, dass man ein Bier trinkt, aber es war einfach, erstens einmal, die menschliche Geste war einfach ein Wahnsinn, und, es war ein ganz gutes Gefühl, wie das so kalt abgeronnen ist. War einfach schön. Und gleich danach habe ich schon das erste Mal müssen aufstehen oder dürfen aufstehen. Wie man es auch immer sieht, 2 bis 3 Schritte machen. Es war schon irgendwie komisch, weil, man hat eben alles Mögliche angeschlossen, aber mithilfe des Pflegers ist es gut gegangen. An den Händen nehmen und ein paar Schritte war einfach ein gutes Gefühl. Zwar schwach auf den Beinen, aber es hat gut gepasst.

 

In der Zeit vor und nach der Operation habe ich einfach viel Zeit gehabt zum Nachdenken, mich mit meinem Herzen auseinanderzusetzen. Ich habe mit meinem Herzen Zwiegespräche geführt. Es war mir einfach wichtig, zu reden und mich auch zu bedanken, dass trotz allem, es mich 64 Jahre gut durchs Leben geführt hat und ich keinen Herzinfarkt gekriegt habe. Gott sei Dank. Warum? Darauf komme ich noch später zurück.

 

Was auch in der Zeit war, ich habe eine wahnsinnig gute Verbindung zu meinem Vati gehabt, der eben mit 80 dann durch Operation dann am Herzinfarkt gestorben ist. Ich habe das Gefühl gehabt, er ist bei mir. Ich habe das Gefühl gehabt, er begleitet mich. Und er stärkt mich. Und war einfach immer in meinen Gedanken und immer so bei mir. Und das hat mir wahnsinnig viel Kraft gegeben. Ich habe dann von Intensivstation auf die Überwachung und auf die Normalstation gewechselt, also, bin ich verlegt worden. Und wer jetzt gemeint hat, jetzt ist alles vorbei. Ich habe auch gedacht, jetzt läuft es. Und jetzt hast du es. Dem war nicht so! Ich habe in der Zeit im Krankenhaus, oder nach der Operation, Tage später schwer Luft gekriegt, habe mich ein bisschen in Panik gebracht und man hat dann festgestellt, Absonderungen in der Lunge, man muss punktieren. Und das Wort punktieren, das war für mich schrecklich, da sticht man irgendwo rein. Wo sticht man rein? Hinten? Vorne? Keine Ahnung. Und habe wieder das Glück gehabt, dass ich eine ganz, ganz angenehme, liebe Schwester gehabt hat, die mich beruhigt hat und gesagt hat „Da brauchen Sie keine Angst haben, es passiert gar nichts. Halten Sie sich bei mir fest, legen Sie Ihren Kopf auf meine Schultern. Dann passt das schon“. Und ich habe wirklich nichts gespürt, man hat dann einen Liter (Flüssigkeit) entfernt und damit ist es dann wieder besser gegangen.

 

Aber die Aufregung war noch immer nicht vorbei. Ich habe dann in der Nacht, ein, zwei Tage später, Vorhofflimmern gekriegt. Und das war wieder so, das Herz schlägt und rast und man weiß nicht, warum, weshalb. Ich habe gedacht, das ist alles in Ordnung, jetzt kommt irgendwas anderes dazu. Hoffentlich kriege ich keinen Herzinfarkt, trotzdem ich jetzt schon Bypässe gekriegt habe. Und man hat dann versucht, das medikamentös in Ordnung zu bringen. Zwei Tage hat man das eben so probiert, aber ist leider nicht gegangen. Es wollte einfach nicht. Und dann hat man mich eben auch wieder in Tiefschlaf versetzt und, ich nenne es jetzt Elektroschock, mein Herz wieder in die richtigen Bahnen geführt. Es hat dann, nach dieser Aktion, wieder normal geschlagen, schlägt bis heute noch Gott sei Dank gut. Zwischendurch, wenn ich aufgeregt bin, ein bisschen schneller, aber der Gedanke an Tiefschlaf, noch einmal, und Elektroschock, das hat in mir so Bilder erzeugt, da habe ich mir gedacht, da hüpft der Körper in die Höhe und was weiß ich was, was man halt in so tollen Arztfilmen sieht, in Krankenhaus-Serien.

 

Aber, es ist alles gut gegangen und es war echt gut. Was mir in der Zeit zu schaffen gemacht hat, weil ich habe mir gedacht, ach ja, das machen wir jetzt, Bypass-Operation, das haben schon so viele gemacht und das werde ich auch machen und das macht gar nichts mit mir. Operieren und fertig und dann auf Reha gehen und dann passt wieder alles. Ich habe überhaupt keinen Appetit mehr gehabt. Ich habe vor der Operation schon wochenlang wenig essen können und nach der Operation wenig. Ich habe gesamt knapp 11 Kilo abgenommen. Und das war dann, dass ich einfach sehr schwach war und, was ich mir nie vorstellen haben können, dass man selber nicht gehen kann, dass man selber nicht auf das WC gehen kann. Man kann sich selber nicht waschen, man ist abhängig von jemandem, der das macht. Ich habe mich so schwach und ausgeliefert gefühlt. Man muss auf das WC, kann aber nicht aufstehen, weil man nicht alleine auf das WC gehen kann. Man muss, sollte, seine Notdurft auf der Schüssel im Bett verrichten. Und daran habe ich ganz, ganz schreckliche Erinnerungen. Und das war für mich wirklich eines der schlimmsten Erlebnisse, ein schlimmes Erlebnis, in der Zeit, wo ich im Krankenhaus war.

 

Ja, in der Zeit nach der Operation, und auch jetzt immer wieder, lege ich immer wieder die Hand auf mein Herz, in dem Bewusstsein, wie wichtig es ist, darauf zu achten. Genau hinzuhören. Es sagt einem eh vieles. Man muss es nur annehmen und sagen, ich muss was tun. Was mir die Frau Doktor Raab auch gesagt hat nach der Katheter-Untersuchung, dass es wichtig ist, dass meine Töchter sich regelmäßig anschauen lassen. Eben in jungen Jahren schon schauen lassen, ob das Herz und alles in Ordnung sind. Ob alles passt. Und die Christine hat das schon gemacht. Und die Kathrin, die jüngere Tochter, ist jetzt demnächst beim Arzt und lässt sich das Herz anschauen. Eben durch die Erfahrung, die ich da gemacht habe, und teilweise vielleicht auch zu wenig darauf geachtet habe, auf mich selber geachtet habe, ist es mir ganz wichtig und ich gehe vielen auf die Nerven, wenn ich damit anfange in meinem Bekanntenkreis, um darauf aufmerksam zu machen, bitte schaut auf eurer Herz, geht zum Doktor, geht gleich zum Internisten, zum Kardiologen, lasst eine Gesunduntersuchung machen, wo es auch hingehört.

 

Und nicht beim praktischen Arzt. Gibt es sicher auch viele gute, die das machen. Aber wichtig ist es, zum Spezialisten zu gehen, zu Ärztinnen, Ärzten zu gehen, die genau wissen, nach was sie schauen müssen. Wäre das bei mir nicht so gewesen, hätte ich nicht zwei gute, drei gute Ärzte, Ärztinnen gehabt. Dann wäre man vielleicht zu spät draufgekommen, auf meine gefährliche Situation, dass ich ja schon ohne weiteres vorher einen Herzinfarkt haben hätte können. Und darum ist mein großer Appell an alle, ob jung, ob alt, es ist einfach wichtig, nimm dich und vor allem dein Herz wichtig. Es ist so, dass manches im Leben erst wichtig erscheint, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist. Und genauso ist es mir gegangen. Und ich habe nach meiner Herzoperation noch eine weitere, ein halbes Jahr später,  Operation gehabt, wo man gesagt hat, warum hat man das nicht vorher schon entdeckt? Aber der operierende Arzt zu mir gesagt hat „Frau Dohr, Sind Sie froh, dass ihr Herz schon gerichtet ist, weil, jede weitere Operation wäre gefährlich geworden, hätte während Operation passieren können“. Und somit bin ich froh, dass es so ausgegangen ist.

 

Und wie gesagt, mein Appell an alle, achtet auf Euren Herz-Kreislauf. Bewegung, gute Ernährung, und vor allem, ich habe vor knapp 17 Jahren zum Rauchen aufgehört. Und das ist eines der schlimmsten unter Anführungszeichen Laster, die man haben kann, um das Herz zu schädigen. Das war meine Herzählung.

 

Maggie (40:06)

Diese Herzählung wurde im Zuge des zweiten Herzählungsabend am 27. Jänner 2022 live im Kulturhof Villach aufgezeichnet.

Ariane

Gerlinde ist 66 Jahre alt, was man ihr wirklich nicht ansieht. Und sie engagiert sich aus vollem Herzen in ihrer Pfarre in Millstatt. Christine ist noch keine 40 und lebt mit ihren Kindern in Gmünd. Beide sind sehr gerne in der Natur unterwegs und ziehen dort auch ihre Kraft. Sie werden natürlich von den Kiddies ganz schön auf Trab gehalten. Und sind auch immer für einen Lacher zu haben.

Maggie

So eine schöne Familiengeschichte. Aber genau das bringt uns ja auch wieder zum Thema, einem sehr unterschätzten Risikofaktor, nämlich der Vererbung. Ariane, jetzt wollte ich dir noch eine Frage stellen. Mit dem Wissen, das du hast, dass in deiner Familie Herz-Kreislauf-Erkrankungen öfter vorkommen. Wie wirst du in Zukunft damit umgehen?

Ariane

Ja, ich bin mir dessen schon sehr bewusst, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein Thema sind in meiner Familie. Also, meine beiden Großelternteile sind an Diabetes erkrankt, relativ früh. Wer auch unseren Blog schon gelesen hat, einer meiner Großväter hat einen Schlaganfall bekommen in sehr jungen Jahren, also mit knapp 50. Und dann war auch meine Großmutter betroffen.

Also, ich habe sicherlich aus meiner Familiengeschichte etwas mitgenommen und vielleicht auch eine gewisse genetische Vererbung. Was jetzt nicht heißt, dass ich an Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkranken muss, aber, ich muss einfach besser darauf achten und meine Risikofaktoren wirklich gut kennen.

Maggie (40:06)

Ja, das stimmt, weil das Bewusstsein ist ja das wichtigste. Also, einfach zu wissen, welche Risikofaktoren habe ich selbst? Das wird bei dir anders sein. Das wird bei mir anders sein. Und bei euch eben auch. Und deshalb wollen wir euch einfach mitgeben: Überlegt euch mal, wie ist das in deiner Familie? Kann es sein, dass ich vielleicht auch mal betroffen sein könnte? Ja, und mit diesem Abschluss möchten wir uns wiederum verabschieden und wir freuen uns auf die nächste Herzählung. Herzliche Grüße von uns. Bis zum nächsten Mal. Baba.

 

Und wie wird man jetzt ein Herzähler oder eine Herzählerin? Ganz einfach: schaut auf unsere Website www.herzaehlungen.at und kontaktiert uns mit eurer Geschichte. Dieses Wissenschaftskommunikations-Projekt wird vom Österreichischen Wissenschaftsfonds und dem Steiermärkischen Gesundheitsfonds gefördert und an der Medizinischen Universität Graz durchgeführt.