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HERZählung

#04

"Leben ohne Herz - eine besondere Patientengeschichte"

Leben ohne Herz. Geht das?

 

Was, wenn man an einer äußerst seltenen Herzkrankheit leidet und dies die einzige Möglichkeit ist zu überleben?

 

Kardiologin Dr. Anna Rab schildert uns in dieser eindringlichen HERZählung wie sie mit einer ganz besonderen Patientengeschichte umgeht. 

Sie möchte damit auch anderen Herzschwäche-Patienten Mut machen, denn "es gibt nicht nur einen Sascha, es gibt viele Saschas".

Die Website von Dr. Anna Rab findet ihr hier.

Das Transkript

Ariane (00:04)

Hallo, willkommen beim Herzählungen-Podcast, wo ihr Geschichten übers Herz von Herzen hören werdet. Ich bin Ariane, die wissenschaftliche Leiterin des Projekts und sozusagen das Herz und Hirn von Herzählungen.

 

Maggie

Und ich bin Maggie, Projektmitarbeiterin in allen Belangen des Projekts.

 

Ariane

Willkommen zu einer weiteren Episode unserer Erzählungen.

 

Maggie

Ariane. Gleich vorweg mal eine Frage an dich persönlich. Du warst ja viele Jahre im Labor tätig und hast an Stoffwechselerkrankungen geforscht. Erzähl uns mal, wie war da deine Erfahrung? Wie läuft es in der biomedizinischen Forschung grundsätzlich ab?

 

Ariane

Ja, das stimmt. Seit meiner Masterarbeit habe ich an verschiedenen Ursachen von Stoffwechselerkrankungen geforscht. Also, das sind zum Beispiel Diabetes oder Fettleibigkeit. Und die Forschung läuft normalerweise so ab, dass man mit einer Frage startet. Man fragt sich, wie funktioniert das? Oder, was kann ich tun, um es zu verändern? Wenn diese Frage dann mal steht, dann versucht man das durch Experimente zu beweisen.

 

Maggie

Das ist sehr spannend. Aber funktioniert das immer gut, wenn du sagst Experimente?

 

Ariane

Ja. Das klingt natürlich jetzt so exotisch vielleicht auch für viele.

 

Ariane (01:50)

Und ja, es ist tatsächlich nicht immer so einfach, weil man ja mit einem biologischen System arbeitet. Und biologische Systeme lassen sich nicht so leicht vorhersehen, wie man das vielleicht glaubt. Das heißt, es ist oft auch mit vielen Rückschlägen verbunden. Sprich. Experimente, die nicht funktionieren oder die einfach auch nicht das Ergebnis zeigen, das man sich vorstellt.

 

Maggie

Aber genau das macht wahrscheinlich die Forschung auch aus, oder?

 

Ariane

Ja, natürlich. Also, was dann zum Schluss cool ist, ist, wenn man was rausfindet, was noch niemand vor einem gewusst hat. Diese Suche nach dem Unbekannten ist meist das, was uns Forscherinnen und Forscher antreibt. Und da kann man dann auch einmal über die Durststrecken hinweg sehen.

 

Maggie

Auch in unserer nächsten Herzählung wird unsere Herzählerin Dr. Anna Rab vor ein Problem mit einem Patienten gestellt, das sie so vorher noch nie gehabt hat. Aber hören wir selbst, wie sie mit dieser ganz besonderen Patientengeschichte umgeht. Liebe Anna, herzähl mal!

 

Dr. Anna Rab (03:12)

Ja. Vielen Dank für die Einladung. Nachdem ich eine Ärztin bin, bin ich auf der anderen Seite. Ich bin nicht Betroffene, sondern ich versuche durch das, was ich die letzten 25 Jahre gelernt habe, den Patienten zu helfen und in allen möglichen Situationen, die das Herz betreffen, zur Seite zu stehen. Ich erzähle heute die Geschichte von einem Herzschwäche-Patienten von einem jungen Herzschwäche-Patienten, als Vertretung für alle Herzschwäche-Patienten von Österreich. Wir haben in Österreich 250.000 Herzschwäche-Patienten. Diese Geschichte ist eine sehr eindrückliche, aber ich denke bei dieser Geschichte an alle, die das betrifft. Und wie gesagt, es sind sehr viele. Es begann diese Geschichte im Jahr 2019 im Sommer. Im Krankenhaus ist es so, dass einige wenige eine Schluckecho-Untersuchung mit einem Schlauch in die Speiseröhre das Herz untersuchen können. Und es war eben aus der Neurologie ein Patient angekündigt, 36-jährig, mit eigentlich einem Schlaganfall und man wollte herausfinden, ob die Ursache das Herz sein kann, oder ist es eine andere Ursache?

(04:39)

Natürlich, wie gesagt, sehr gerne. Und das war das erste Mal, wo ich diesen Patienten, ich darf seinen Namen nennen, weil es ja medial vertreten war, wo ich Sascha das erste Mal gesehen habe. Und damals habe ich nicht gewusst, wie lange ich mit diesem Patienten eigentlich zu tun habe. Und das zu tun hat bis jetzt noch nicht aufgehört. Sascha kam, ich habe ihm erklärt, was wir machen. Wir machen eine Narkose und ich werde einen Schlauch in seine Speiseröhre einführen und werde sein Herz anschauen, weil er eben einen Schlaganfall hat und weil das Herz sehr oft die Ursache dafür ist, dass Gerinnsel sich ahnen in das Hirn und dort das Gefäß verstopfen und einen Schlaganfall machen. Ich habe das gemacht und habe dann etwas gesehen, was ich so eigentlich noch nie gesehen habe. Das Herz, die linke Herzkammer war äußerst auffällig, hat sehr viele Verkalkungen aufgewiesen, so wie ich es noch nie gesehen habe. Ich habe mir dann die Computertomografie von diesem Hirn angeschaut. Und tatsächlich, es waren typische Hinweise darauf, dass das vom Herzen sein musste.

(05:50)

Ich habe dann danach, der Patient ist wieder aufgewacht aus seiner Narkose, gefragt, ob er eigentlich irgendwelche Symptome hat, ob er eigentlich vom Herzen her etwas spürt. Weil, bis dato hatte jeder gedacht, er hat einen Schlaganfall, etwas mit dem Hirn und nicht mit dem Herzen. Er war noch ein bisschen benommen, wie man eben nach einer Narkose ist und er hat gesagt, ja, er hat schon Atemnot und das ist bei der Musterung mit 17 aufgefallen, dass eben im Herzen etwas nicht stimmt. Ich habe ihn noch einmal zurückgeschickt. Bevor ich meinen Befund verfasst habe, bin ich auf Recherche gegangen, weil wie gesagt, ich habe diese Verkalkung in diesem Herz, in dieser Herzhöhle noch nie gesehen. Bin auf Recherche gegangen, da geht man dann ins Internet. Wir haben einschlägige Foren, wo man nachschlagen kann. Und bin dann eigentlich auch über ein zusätzlich angeordnete MRT-Untersuchung des Herzens auf die Diagnose einer Yamaguchi Kardiomyopathie gekommen. Yamaguchi, habe ich mir gedacht, das ist ein cooles Wort, was ist das? Und es ist eine total seltene Erkrankung, wo es zur Verödung, zur Verkalkung, zum Verschluss einer ganzen Herzkammer kommen kann, beginnend von der Herzspitze, und es unterschiedliche Ausprägungsformen gibt.

(07:12)

Solche, die sehr lange chronisch damit leben können, alt werden und offensichtlich wenige, wo diese Erkrankung voranschreitet und dass die ganze Herzhülle eben verödet, ausgekleidet wird von Kalk und man eigentlich damit nicht mehr leben kann. Meistens betrifft es Japan, also die Asiaten sind da mehr betroffen als die Europäer. In anderen Kontinenten ist es nur punktuell. Und wie gesagt, in Österreich kenne ich niemanden. Ich habe noch nie von so einem Fall gehört. Es sollte auch eine genetische Disposition, das heißt, dass die Gene auch hier einen Einfluss haben, aber es ist nicht so wirklich gut erforscht, weil es eben so selten vorkommt. Also gut, ich habe einen Namen für etwas, wo ich keine Ahnung hatte, wie ich das jetzt therapiere. Der Patient hatte die Atemnot, er hatte eine gewisse Herzschwäche, aber es ist ihm noch relativ gut gegangen. Also haben wir gesagt. 36 Jahre, den nehmen wir an die Kandare. Der wird jetzt regelmäßig zu uns in unsere Herzschwäche-Ambulanz kommen.

(08:18)

Und mit dem, dass er alle zwei Wochen, alle vier Wochen gekommen ist, wir die Medikamente angepasst haben, also spezielle Herzschwäche-Medikamente, lernt man sich auch sehr gut kennen. Er erzählt von seiner Tochter, wo er sich schwer tut, mit der Tochter zu spielen, dieser kleinen Tochter, weil er eben doch Atemnot verspürt. Man kommt sich einfach näher. Und wie gesagt, ich sage immer, wenn ich von einem Patienten den Vor- und den Nachnamen auch um 2:00 Uhr in der Nacht weiß, dann ist es ein Patient, den man wirklich sehr oft sieht und der offensichtlich sehr viel Zutun, sehr viel Betreuung braucht. Und so jemand war eben Sascha. Wir haben uns kennengelernt im Juli 2019 und es ist eigentlich recht gut gegangen. Zwölf Monate. Wir haben uns wirklich mindestens monatlich gesehen. Sascha, ich erinnere mich, kommt zur Tür herein, ich sitze drinnen, hatte ihn aufgerufen, kommt jedes Mal ein bisschen gebückter herein, weil es ihn auch immer etwas mehr belastet hat, seine Erkrankung, zuhause sicher auch Dr. Google befragt.

(09:25)

Er war immer so, dass er die Angst hatte, ich könnte ihm etwas Schlechtes sagen. Es ist schlechter geworden. Und das musste ich irgendwie nie in diesen zwölf Monaten. Wir hatten dann eine Kontrolle, es war so November und da kam er herein und ich habe gesehen, er schaut anders aus. Die Haut ist so fahl und er hat abgenommen. Und ich frage ihn eben, wie es geht. Und er sagte, naja, das passt schon, das passt schon. Wir haben einen Ultraschall gemacht und ich habe gesehen, dass es natürlich nicht passt. Die Erkrankung ist vorangeschritten. Die Verkalkungen sind deutlich mehr geworden und sie haben jetzt auch schon zu einer Undichtigkeit der Klappe geführt, also der Klappe im linken Herzen. Und mir war eigentlich sehr klar, aus den Recherchen, die ich eben ein Jahr vorher getätigt hatte, dass er in die nächste Phase seiner Erkrankung eingetreten ist, die ich, wie ich meine, damals schon gesehen habe, mit der Zunahme der Herzschwäche, mit dem Auftreten dieser Krankheit der Herzklappe, dass es seine letzte Phase ist und dass wir jetzt hier also so eine Situation „5 vor 12“ haben. Ich habe ihm gesagt, dass die Herzleistung weiter stark abgenommen hat.

(10:39)

Ich habe ihm erzählt, dass die Klappe undicht ist und er war schon sehr erstaunt. Und ich habe gesagt, wir müssen jetzt einen nächsten Schritt gehen. Wir müssen schauen, wie wir das beheben können. Und ich redet da jetzt nicht von einer Bypass-Operation, wie wir das gehört haben. Ich rede nicht von einer Kardioversion, wie bei einer Rhythmusstörung, sondern ich rede jetzt in diesem Fall für diesen Patienten mit 36 Jahren schon von einer Herztransplantation. Und das habe ich ihm nicht gleich gesagt, sondern ich habe gesagt, ich brauche mehrere Untersuchungen, ich brauche einen Herzkatheter, ich muss schauen, ob seine Herzkranzgefäße in Ordnung sind. Er hat auch gewisse Vorerkrankungen gehabt, unter anderem Rauchen. Und ich muss mir einfach anschauen, wie das Herz auch innen ausschaut. Und er hat eingewilligt. Wir haben diese Untersuchung gemacht. Es war eigentlich kurz vor Weihnachten. Die Herzkranzgefäße waren in Ordnung. Aber ich habe dann noch eine Rechtsherz-Katheter-Untersuchung gemacht, das rechte Herz habe ich untersucht. Und ich habe gesehen, dass er einen leider sehr, wirklich sehr hohen Druck im kleinen Kreislauf hatte.

(11:50)

Das ist so, das war bei ihm so in etwa fünfmal erhöht wie bei uns allen hier, also wirklich einen sehr hohen Druck. Ich habe gesagt, wir treffen uns dann am Nachmittag im Zimmer. Habe ihn rauf geschickt. Ich bin am Nachmittag ins Zimmer, habe mir einen Sessel zu ihm hingerückt und habe gewusst, dass ich ihm jetzt etwas sagen muss, was sehr schwer ist, dass ich das erste Mal eben auch dieses Wort Herztransplantation in den Mund nehmen muss. Das habe ich dann auch getan und erklärt, dass ich für ihn aus meiner Erfahrung heraus keine andere Möglichkeit mehr sehe, sein Leben fortzusetzen und zu verbessern, ohne Herztransplantation. Er hat mich mit großen Augen angeschaut und er hat nicht wirklich gewusst, was das bedeutet. Und wir haben dann darüber diskutiert. Und er hat gedacht, ich komme, um ihn zu verabschieden, weil er wollte zu seiner Tochter und Weihnachten feiern und dann kommt halt diese Nachricht. Das hat ihn schon sehr, sehr beunruhigt. Und wie oft, ob sie Krebspatienten sind oder Patienten, und das ist wie ein Herzkrebs, so etwas, beginnen Patienten, mit einem zu verhandeln.

(13:08)

Na ja, könnten wir nicht, und wäre es nicht möglich, und vielleicht ist doch nicht so schlimm. Aber es gab kein Verhandeln mehr für mich. Ich habe gesagt, schau Sascha, und das war tatsächlich seit einem Monat dann so, er konnte nur noch im Sitzen schlafen, ein, zwei Stunden, konnte sich nicht hinlegen, hat dicke Beine gehabt, einen größeren Bauch gehabt und alles andere war nur mehr Haut und Knochen. Und er hat es dann irgendwie eingesehen und wir haben uns dann verabschiedet und er hat geweint, natürlich. Und wie ich dann rausgegangen bin, war es mir eigentlich auch danach, weil es schon eine Situation war, eben von jemandem, den man seit eineinhalb Jahren begleitet, wo man etwas sagen muss, was einem selber sehr schwer fällt. Und, muss man auch sagen, etwas, wo man nicht weiß, ob man es schafft, diesen Patienten zur Transplantation zu bekommen. Denn man muss sich vorstellen, man ist in Villach, wir sind der südlichste Herzkatheter in Österreich, die Herztransplantationszentren, von denen gibt es eigentlich zwei in Österreich, das ist Innsbruck und vor allem Wien, sind relativ weit weg.

(14:18)

Und wie schafft man es, so einen Patienten, bei dem es sehr notwendig ist, sehr rasch eine Lösung zu finden und dorthin zu bekommen? Ich habe dann natürlich versucht, meine Kontakte nach Wien und habe dann auch mit den Ärzten dort gesprochen und am Anfang eher ablehnend, weil ich erzählt habe, dass eben der Druck im rechten Herzen so erhöht ist, und eine Lungen- oder Herztransplantation wird nicht gemacht. Und ich habe dann gesagt, gut, wenn das so ist, dann muss ich leider in ein anderes Land gehen. Dann werde ich auch versuchen, für diesen jungen Patienten alles zu tun, in Deutschland unterzukommen. Und dann aber, irgendwie, habe ich dann durch meine resolute Art wahrscheinlich auch diese Kollegen dann wachgerüttelt und man hat sich überlegt, ein Exit-Szenario. Dann haben wir gesagt, gut wir probieren es. Vielleicht geht es ja so, wenn man sozusagen das Herz, den Brustkorb öffnet, man kann vielleicht den Kalk ausschaben, man könnte nur so ein Unterstützungs-Kunstherz einbauen, dann wird das alles gehen. Dann haben wir gesagt, gut, das machen wir. Denn, wenn man ein Herz transplantiert bei so einem hohen Lungendruck im rechten Herzen, dann würde dieses Herz nicht funktionieren und es würde sofort, nicht abgestoßen,

(15:28)

aber es würde einfach sofort versagen. Das kann man nicht tun. Daher war es notwendig, ein Kunstherz einzusetzen. Ich habe das mit dem Sascha besprochen. Er war schon jetzt über diese Phase, über diesen Schock hinweg und hat gesagt, ja klar, er hat ja gesehen, wie es im laufend schlechter geht. Und wir sind dann übereingekommen, dass es einen Transferierungstag gibt nach Wien. Ich habe ihn vorher noch einmal aufgenommen und habe gesagt, wir ziehen jetzt alles Wasser heraus, dass er besonders gut und stabil nach Wien kommt. Und wie er dann bei mir, war eine weitere Hürde, die man auch nicht als Patient oder Angehöriger weiß, dass es so was gibt. Nämlich, man kann einen Patienten nicht einfach ins Auto setzen und fahren Sie jetzt dorthin und lassen sich dort jetzt das Herz oder das Kunstherz einsetzen. Der Patient war höchstgradig instabil und man musste also einen Transfer mit der Rettung nach Wien machen und das ist auch sehr schwierig. Man muss da die Versicherung überzeugen, dass dieser Transfer gerechtfertigt ist, weil man sagt ja sonst, das nächste Zentrum von Villach fürs Herz wäre Klagenfurt.

(16:37)

Und das haben wir eigentlich dann übersprungen, weil da habe ich gesagt, das können wir selber entscheiden, dass Klagenfurt mit einer Bypass-Operation hier nichts machen kann. Letztendlich haben wir es dann geschafft und Sascha ist dann erfolgreich von uns im Juni 2020 ausgeflogen worden. Also, nicht gefahren mit der Rettung, sondern er ist geflogen worden. Auch hier hat Corona dann zugeschlagen. Sascha konnte also nicht sofort operiert werden, weil eben kein Intensivbett zur Verfügung war. Das ist die größte Hürde. Operieren kann man immer, ein OP ist immer wieder frei, aber das nachfolgende Intensivbett muss zur Verfügung stehen. Letztendlich hat sich Sascha von mir verabschiedet, hat gesagt „Darf ich Sie umarmen, was Sie alles gemacht haben?“ Und dass das jetzt offensichtlich doch der Strohhalm ist, an den er sich so geklammert hat. Und da habe ich gesagt, nein, das machen wir, wenn er zurückkommt. Und er ist eben dann in diese Operation gegangen und da ist es mir ähnlich so gegangen. Ich habe wirklich gewartet auf den Anruf, was ist passiert? Dann habe ich schon angerufen, nein, sie wissen noch nichts. Und mir wurde dann gesagt, dass diese Operation, nämlich dieses schwache Herz zu unterstützen, nicht so gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat.

(17:59)

Es war so, wie ich es beschrieben hatte. Es ist diese Herzhülle komplett mit Kalk austapeziert gewesen. Es war kaum mehr eine Hülle da, das konnte man nicht ausschaben. Und man hat sich jetzt zu einer Operation durchgerungen, die bis jetzt vier Mal auf der ganzen Welt durchgeführt wurde. Von dem Operateur in Wien das erste Mal. Zwei davon sind sofort gestorben. Ein Patient hat es geschafft. Sascha war der vierte. Man hat nämlich wirklich das gesamte Herz entfernt und zwei Kunstpumpen eingesetzt, die sozusagen die komplette Arbeit des Herzens verrichtet haben. Und wie ich das gehört habe, habe ich gesagt, wie geht das? Gibt es überhaupt? Man hat noch vor der Operation, bevor man das ganze Herz entfernt hat, eine Sonde in die Lunge gelegt, um dort immer wieder messen zu können, ob dieser Druck wieder hinunter geht. Weil, wie gesagt, das war eigentlich die Ursache, dass er nicht sofort auf die Akutspenderliste gekommen ist. Und Sascha hat das in den ersten zwei, drei Tagen gut überstanden. Danach gab es einen Rückschlag. Er musste noch einmal notoperiert werden, er hat eine Nachblutung gehabt und da wurde mir schon vermittelt, dass es sehr, sehr kritisch um ihn steht.

(19:20)

Er hat aber auch das überstanden und ist dann letztendlich stabil verlaufen. Rasche Exturbation. Dann auf der Normalstation. Sascha war extrem untergewichtig, hat keine Muskeln gehabt. Es hat alles von ihm abverlangt, diese Krankheit. Und er musste eigentlich wieder sitzen lernen, er musste gehen lernen. Und was in dieser Zeit sein Begleiter war, er hat immer einen Rucksack gehabt oder eine Tasche, wo der Akku, die Batterie drin war, die eigentlich die Pumpen, die sein Herz und eigentlich sein Leben aufrechterhalten haben, musste er mit sich führen. Ich denke, er hat irrsinnig oft drauf geschaut, wie der Akkustand war. Er musste das immer zur rechten Zeit wechseln. Hätte er das nicht getan, wäre er gestorben. Also, er hat es geschafft und wurde dann in eine Reha-Anstalt, da gibt es auch nicht so viele, die solche Patienten betreuen, er ist dann nach Salzburg gekommen in Großgmain, da war es dann schon August. Ich glaube, man kann sagen, manche haben vielleicht was von ihm gesehen bei „Thema“ beim ersten Herzschwäche-Wandertag, wo ich ihn eingeladen hatte als Testimonial. Er hat es geschafft.

(20:34)

Er war zwei Tage in dieser Reha, da kam ein Anruf. Ein Herz ist da. Was bedeutet das für einen Patienten? Es gibt ja einige, die auf ein Herz warten. Auch in Villach haben wir einige, die auf ein Herz warten. Es gibt ein Organ. Man weiß es nicht, woher? Aus Europa. Das wird eingeflogen. Und man hat natürlich vorher schon aus vielen, vielen Untersuchungen, nicht nur den Herzkatheter, den gesamten Gen-Status dieser Patienten abgetastet. Man weiß, welches Herz zu wem passt. Er war natürlich mit dieser Pumpe extrem. Also da gibt es Einstufungen, high urgent, urgent und normale Listung. Also high urgent ist besonders dringlich. Da war er drinnen. Es kam ein Herz, das zu seinen Genen passte. Ich kann nicht sagen, wie man sich fühlt, ob man Angst hat vor einem neuen Herz, das in der Brust von einem anderen Menschen geschlagen hat. Viele haben da ein Problem und lehnen das ab oder ob man sich freut, dass es einem dann besser geht, das kann ich nicht sagen. Aber er ist dann ganz rasch nach Wien gefahren.

(21:41)

Dann wird man narkotisiert, dann wird das Herz, das eigentlich tiefgekühlt kommt, genommen und dann werden die Pumpen abgeschaltet. Man ist natürlich auch wieder an der Herzlungen-Maschine. Dann wird das Herz eingesetzt und dann passiert eben was Wundervolles, dass dieses Herz dann zu schlagen beginnt. Also er hat das sehr gut überstanden. Er hat Medikamente bekommen, dass das Herz nicht abgestoßen wird, das ist bei ihm ohne Probleme gegangen. Wieder natürlich zurückgeworfen, wieder sitzen lernen, Schritte gehen lernen. Es hat aber alles wunderbar geklappt, er ist wieder auf Reha gegangen und ist heute ein lebenslustiger Mann. Und ich habe es eh schon angedeutet: bei meinem ersten Herzschwäche-Wandertag war er mit, ist diese acht Kilometer problemlos mitgegangen, hat sich bedankt, hat mich umarmt und hat gesagt, dass er so froh ist, dass er jetzt mit seiner Tochter spielen kann. Und ich sehe diese Geschichte als Beispiel für Herzschwäche-Patienten. Aber es gibt nur nicht diesen einen Sascha. Es gibt ganz viele Saschas und auch, ich sage es jetzt bewusst, Astrid, auch eine sehr berührende Geschichte und diese Geschichte ist leider nicht ausgegangen. Darum denke ich heute an diese Astrid, die ich auch Jahre begleitet habe, die es eben nach diesem Unterstützungsherzsystem nicht zum Herzen geschafft hat, die jetzt am Dienstag gestorben ist und möchte eben sagen, dass es viele von diesen Menschen gibt und viele, die ich jetzt begleite und denke, dass diese Geschichten, die man hier erzählen darf, ganz wichtig sind für alle, zu sensibilisieren, sei es jetzt Rhythmusstörungen oder auch Bypässe.

Und danke auch, dass ich diese Gelegenheit bekommen habe.

 

Maggie (23:51)

Diese Herzählung wurde im Zuge des zweiten Herzählungsbands am 27. Jänner 2022 live im Kulturhaus Villach aufgezeichnet.

 

Ariane

Anna Rab ist 54 Jahre alt und arbeitet als Kardiologin in Villach und Klagenfurt. In ihrer Freizeit ist sie begeisterte Seglerin. Aus einem Gespräch mit ihr können wir uns erinnern, wie sie sagte: „Beim Urlauben braucht man meist zwei Wochen zum Abschalten. Auf dem Boot geht das in zwei Tagen.“ Eine Patienten-Geschichte wie die von Sasha ist sehr außergewöhnlich und kommt auch in der Laufbahn einer Ärztin meist nur einmal vor. Womit sie aber fast täglich zu tun hat, sind Patient:innen, die mit Herzschwäche zu ihr kommen. Deshalb hat auch sie ein Projekt ins Leben gerufen. Und das ist der erste Herz-Wandertag, der letztes Jahr stattgefunden hat. Und mit diesem Herz-Wandertag oder mit diesem Projekt möchte auch sie auf das Problem Herz-Kreislauferkrankungen und besonders Herzschwäche aufmerksam machen. Vielleicht seid ja ihr auch dabei beim nächsten Wandertag. Wir werden es auf jeden Fall probieren.

 

Maggie

Ja, ganz eindeutig.

Ariane

Gott sei Dank ist die heutige Geschichte ja gut ausgegangen und wir möchten jetzt trotzdem auch noch einmal die die Stimmung heben. Und Maggy hat dafür einen Herzwitz vorbereitet.

Maggie (25:23)

Okay, Ariane, bist du bereit? Chuck Norris hatte mal eine Herzattacke und sein Herz hat verloren. Ja, das könnt ihr jetzt gerne entscheiden, wie gut der Witz war. Es ist nicht meiner, er ist aus dem Internet. Aber ja. In diesem Sinne, Lachen ist gesund. Und wir hören uns hoffentlich bei der nächsten Herzählung.

 

Und wie wird man jetzt ein Herzähler oder eine Herzählerin? Ganz einfach, schaut auf unsere Website www.herzaehlungen.at, (Bitte aber mit ae statt dem Umlaut) und kontaktiert uns mit eurer Geschichte. Dieses Wissenschaftskommunikationsprojekt wird vom Österreichischen Wissenschaftsfonds und dem Steiermärkischen Gesundheitsfonds gefördert und an der Medizinischen Universität Graz durchgeführt.

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